Mit wehenden Fahnen zurück zu G9

Als wir uns im Jahr 2002 dazu entschlossen hatten, das G8-Modell an Gymnasien ebenfalls einzuführen, waren wir der Überzeugung, dass es richtig ist, diesem Trend zu folgen. Wir wollten nach der Bologna-Reform auch das System unserer gymnasialen Ausbildung reformieren, das alle Schülerinnen und Schüler zu einem früheren Abschluss führen sollte. Schon während der ersten Jahre staunten wir nicht schlecht, wie auf einmal aus den ehemals albernen, aber gut gelaunten und belastbaren Sechst- und Siebtklässlern, nervöse, sehr überlastete Schüler wurden.

Statt nach erledigten Hausaufgaben abends Fußball zu spielen, AGs zu belegen und genug Zeit für sich und die Gruppe zu haben, saßen die Jüngsten – und vor allem diese – bis spät abends im Silentium, büffelten Vokabeln und erledigten die restlichen Aufgaben.

Zeit für pädagogische Zusatzaktivitäten wie Erlebnispädagogik, gemeinsame Spiele oder zusätzliche Fächer wie Informatik mussten ersatzlos gestrichen werden: Der Stundenplan aller Mittelstufenklassen (bis auf Klasse 5) war mindestens bis 15:30 gespickt voll mit Unterricht.

Im Sinne unserer Jüngsten

Beinahe jedes Schuljahr warteten wir darauf, dass vom HKM Erleichterungen in der stofflichen Fülle verabschiedet würden, aber trotz Kerncurriculum und kompetenzorientiertem Unterricht gab es keine wirkliche Linderung: G8 spielte und spielt sich einzig alleine auf dem Buckel der Kleinen ab!

Dazu machten wir die Beobachtung, dass die Kinder und Jugendlichen heute einer viel größeren Ansprache und Führung bedürfen, einer sicheren Begleitung durch Konflikte und Selbstzweifel, einer intensiven Ansprache, denn Fünfzehnjährigen, die in der Oberstufe angelangt sind, wird die gleiche Reife abverlangt, wie ehemals Sechzehn- oder Siebzehnjährigen. Sie sollten in diesem Alter bereits befähigt sein zum wissenschaftspropädeutischen Arbeiten, das exemplarisch in wissenschaftliche Fragestellungen, Kategorien und Methoden einführt.

Dabei – erinnern wir uns nicht alle daran, dass man mit fünfzehn so viele andere (wichtige) Dinge im Kopf hat, dass man viel Kraft braucht, um herauszufinden, wer man ist, persönliche Erfolgserlebnisse, um den anspruchsvollen Weg durch die Oberstufe zu gehen?

Lernen und Wachsen brauchen Zeit

Unser Selbstverständnis als Internatsschule bestand und besteht aber schon immer aus der Überzeugung, dass Lernen und Wachsen Zeit brauchen, dass die Muße zwischendurch, das außerschulische Lernen und zusätzliche Aktivitäten notwendig sind, um aus den jungen Menschen gescheite und ausgeglichene junge Erwachsene zu machen. Doch nicht nur unsere Schüler brauchen Zeit, nein, auch die Lehrer und Erzieher. Zeit gibt uns die Möglichkeit, geduldig zu sein, abzuwarten, Hilfestellungen zu geben; Zeit zum Gespräch, Zeit zum Aufbau stabiler Beziehungen, Zeit zum Gehen von anderen Wegen, die auch zum Ziel führen.

All diese Gründe haben uns dazu bewogen, uns einstimmig für mehr Zeit zu entscheiden und ab dem Schuljahr 2014/2015 zu dem neunjährigen gymnasialen Bildungsgang zurück zu gehen.

Hierzu haben wir gemeinsam mit allen Lehrerinnen und Lehrern Stundentafeln für die Unter- und Mittelstufe entwickelt, die vom Umfang der Wochenstunden die Entwicklung unserer Schülerinnen und Schüler mit einbeziehen und dementsprechend berücksichtigen. Gleiches gilt für den Internatsalltag.

Mehr Zeit, z. B. für unsere Jüngsten und Jüngeren nicht nur zum Lernen, sondern auch zum Wachsen. Zeit, um das Lernen zu Lernen und tatsächlich an den Kompetenzen zu arbeiten, die noch nicht ausreichend ausgebildet sind.

Bei den Klassen 5-7 bedeutet dies, Zeit für Konfliktbewältigung und sportliche, musische und künstlerische Gelegenheiten zu schaffen, die die Erfahrungen ermöglichen, dass wir nur erfolgreich sind, wenn wir auch teamfähig und kreativ sind.

Schulisch legen wir auch weiterhin in diesen Jahren den Schwerpunkt auf die Fächer Deutsch, Englisch und Mathematik. Wir möchten aber auch die Offenheit und Neugier nutzen, um erste Erfahrungen mit den Naturwissenschaften und dem Experimentieren zu machen, die en bloc in Projekten unterrichtet werden.

Für die Klassen 8-10 stehen andere Inhalte im Fokus, je nachdem, was uns die Erfahrung gelehrt hat.

Sicher ist, dass, auch wenn uns wieder sechs Jahre in der Mittelstufe zu Verfügung stehen, wir weiter an dem arbeiten, was G8 uns Positives gebracht hat. Schülerorientiert und kompetenzorientiert zu unterrichten, um den zu Recht entwickelten und geforderten Bildungsstandards gerecht zu werden, die für unsere Schülerinnen und Schüler am Ende der Mittelstufe erfüllt sein müssen und auf die die Arbeit in der Oberstufe aufbaut.

Wir sind davon überzeugt, dass ein Jahr mehr keinem unserer Schüler schadet. Ganz im Gegenteil, es gibt die Gelegenheit, die Vorteile einer Internatsschule auszuschöpfen, nämlich sich Wissen ohne Überstürzung anzueignen! Durch vielfältige außerschulische Aktivitäten, können weitere Talente in sich entdeckt werden und so kann man an Persönlichkeit gewinnen und ist gefestigt, um so sicher im Umgang mit anderen und sich selbst zu werden.

An der Oberstufe hat sich ohnehin trotz G8 nichts geändert:

Es bleiben drei Jahre Zeit, um sich gründlich auf das Abitur vorzubereiten. Das allerdings unter anderen Umständen, denn nun sind es junge Erwachsene, die nicht im D-Zug durch die Kinderstube gerast sind, sondern bereits den nötigen Abstand zu den eigenen Befindlichkeiten haben, um sich so auf die Anforderungen des Landesabiturs zu konzentrieren.