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    aus der Internatsschule Lucius

Ausflug des Deutsch LK von Herrn Müller nach Weimar

Schon zu Zeiten Goethes war Weimar das literarische Zentrum der Welt. Neben Goethe selbst, der den Großteil seines Lebens in Weimar verbrachte, lebten hier auch Schriftsteller wie Friedrich Schiller, Christoph Martin Wieland und Johann Gottfried Herder, die zusammen das Viergestirn von Weimar bildeten. Darüber hinaus beherbergt die 1691 gegründete Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in der Weimarer Innenstadt ein großes Sammelsurium deutscher literarischer Werke von unschätzbarem Wert. Somit ist Weimar praktisch das Mekka für einen Deutschleistungskurs.

Der ganztägige Ausflug war also von uns Schülern schon lange im Voraus mit großer Vorfreude erwartet worden. Um sieben Uhr brachen wir am Dienstagmorgen, den 17. April 2018, mit einem der Internatsbusse auf. Nach einer dreistündigen Fahrt, auf der noch ein bisschen Schlaf nachgeholt werden konnte, hatten wir unser Ziel erreicht.

Zunächst besichtigten wir Goethes Wohnhaus, in dem Goethe fünfzig Jahre lang gelebt hatte und zuletzt auch gestorben war. Der Besuch des Gothe Hauses erwies sich als äußerst spannend und interessant, da es nicht wie ein herkömmliches Museum mit staubigen Relikten vergangener Zeiten ausgestellt, sondern präzise so eingerichtet war, wie es Goethe nach seinem Tod hinterlassen hatte. Dementsprechend waren die Räume voll von antiken Kunstgegenständen, die Goethe auf seinen Reisen erworben hatte. Die Zimmer waren nach Goethes Farbenlehre in auffällig bunten Farben gestrichen oder tapeziert. Aus diesem Grund war es leicht sich in die damalige Zeit zu versetzen und sich vorzustellen, wie in diesem Haus, das damals der Treffpunkt von Dichtern, Musikern und Politikern aus aller Welt war, einst ein reger Betrieb geherrscht hatte.

Nachdem wir mit der Besichtigung fertig waren, wir dem Weimarer Theater, dem Goethe/Schiller- und dem Shakespeare-Denkmal einen Besuch abgestattet hatten, machten wir eine kleine Cafépause. Anschließend schlenderten wir noch ein bisschen durch den Park an der Ilm, sprachen über die Unterschiede des französischen und englischen Gartenbaus und schauten nach Goethes Gartenhaus, bevor wir die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek besuchten.

Diese beherbergt auch nach dem Brand tausende von Jahrhunderte alten Werken über die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften – über viele Epochen angehäuftes Wissen und Grundsteine unserer Kultur. Manche der Bücher schienen so alt zu sein, dass man befürchten musste, sie würden bei der kleinsten Berührung zu Staub zerfallen. Anfassen durfte man leider keines der Bücher.

Nach einiger Zeit des Staunens und Bewunderns beschlossen wir in der Stadt zu Mittag zu essen. Wir aßen in einem ruhigen kleinen Lokal und ruhten uns für die zweite Hälfte unseres Ausfluges ein wenig aus. Frisch gestärkt besuchten wir als nächstes Schillers Wohnhaus. Das durfte selbstverständlich nicht fehlen, wenn man sich schon das von Goethe ansieht, dann auch das von Schiller. Bei Schiller ging es bescheidener zu als bei Goethe. Zwar besaß auch er ein großes Haus in der Innenstadt, nur einen Katzensprung von Goethes Haus entfernt, doch empfing er nicht in dem Maße Gäste, wie es sein langjähriger Freund tat. Außerdem hatte er, obwohl seine Dramen unglaublich beliebt waren und die Theater in ganz Deutschland füllten, sein Leben lang finanzielle und gesundheitliche Schwierigkeiten.

Als wir mit unserer Besichtigung fertig waren, entschieden wir, dem alten historischen Friedhof, auf dem auch Goethe und dessen Familie begraben liegt, noch einen Besuch abzustatten.

Dann machten wir uns auf den Rückweg zu unserem Bus und fuhren auf den nur zehn Minuten entfernten Ettersberg, auf dessen stadtabgewandten Nordhang das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald liegt. Schon auf dem Weg dorthin war es relativ still im Bus. Herr Müller erklärte uns, dass die Straße, auf der wir fuhren und von den Gefangenen selbst gebaut wurde, „Blutstraße“ heißt, da unter ihr viele Opfer des Konzentrationslagers verscharrt wurden. Wir passierten einige alte Gebäude und den Bahnsteig, an dem die Gefangenen vor mehr als siebzig Jahren angekommen waren und anschließend selektiert wurden. Es standen nicht viele Autos auf dem Parkplatz. Wir gingen an den den Schäferhundställen und den Baracken der SS vorbei durch ein kurzes Stückchen Wald, bis wir an den Zaun und das Eingangstor mit der Aufschrift „Jedem das Seine“ kamen. Die Uhr, die an dem Wachturm über dem Eingangstor hängt, zeigt genau 15:15 Uhr an, den Moment, als Buchenwald von seinen Lagerinsassen übernommen und befreit wurde. Wir gingen hindurch.

Die Größe des Lagers erschreckte mich. Hunderte Meter nach vorne, nach links und nach rechts und alles von einem vier Meter hohen Stacheldrahtzaun und dem dahinterliegenden Wald umrandet. Von den dutzenden Barracken, die hier einst standen, um die 250.000 Lagerinsassen zu beherbergen, sah man nur noch die Fundamente. Eine Mitschülerin erzählt uns nun vom Alltag und der Geschichte des Lagers vor und nach der Befreiung durch die Amerikaner. Alle waren still und schauten sich mit nachdenklichen Mienen um. Wir verweilten einen Moment an dem Denkmal, das Barack Obama vor einigen Jahren dort eingeweiht hatte: eine Metallplatte im Boden, die der tausenden Opfer gedenkt und stets eine Temperatur von 37,5 Grad hat – Körpertemperatur – um diesem grausamen und unwirklichen Ort einen Funken Menschlichkeit zu verleihen.

Außer uns waren kaum noch andere Besucher dort, es war bereits früher Abend. Herr Müller führte uns durch das Krematorium des Lagers, den Ort, an dem die Leichen der Opfer in großen Öfen verbrannt wurden. Einzelne Blumen waren in die geöffneten Öfen gelegt worden. Die Stimmung sank spürbar und ich dachte, es würde nicht noch schlimmer werden, aber ich lag falsch. Hinter dem Gebäude mit den Öfen führte eine Kellertreppe genau darunter. Wir gingen hinunter und gelangten in einen leeren Raum, an dessen Wänden im Abstand von einem halben Meter schwarze Haken knapp unter der Decke angebracht waren. Von dem erdrückenden Geruch in diesem Raum wurde mir schwindelig, noch bevor ich wusste, was hier geschehen war. Hier, in genau diesem Raum, waren Tausende Menschen von den Nazis eigenhändig erhängt worden. Ich hatte genug gesehen. Jeder weiß, von den Gräueltaten der Nazis, aber es ist etwas anderes davon zu hören, als am Ort des Verbrechens selbst zu sein, es unmittelbar nachvollziehen zu können und ich bin überzeugt, dass jeder, der jemals ein Konzentrations- oder Vernichtungslager der Nazis besucht hat, das genauso empfinden wird wie ich.

Weimar ist nicht nur das literarische Zentrum der Welt gewesen, sondern auch Zeuge des dunkelsten Kapitels der Menschheitsgeschichte. Ein Ort des Wissens, der Kultur, der Trauer und des Erinnerns. Es kommt einem so vor, als habe man zwei verschiedene Welten besucht. Hochkultur und Barbarei in unmittelbarer Nachbarschaft. Ganz nahe an dem Ort, wo Goethe den „Faust“ schrieb, wurden 110 Jahre später hunderttausende unschuldige Menschen ermordet, weil sie anders sprachen, anders dachten und anders glaubten.

Erschöpft und tief bewegt verließen wir das Lager, kehrten zum Bus zurück und fuhren zurück ins Internat. Jedem von uns war der Besuch im Konzentrationslager Buchenau doch sehr nahe gegangen und er wird mit Sicherheit niemals vergessen werden.

Lauritz Hartherz