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    aus der Internatsschule Lucius

Im Rahmen des Kunstunterrichts des Leistungskurses der Q1 hat der Schüler Konrad Uecker kürzlich eine Bildanalyse zu einem Gemälde William Turners angefertigt, die ich für so außergewöhnlich und brillant halte, dass ich sie hier an dieser Stelle sehr gerne vorstellen möchte.

Axel Wilisch/Kunst

  1. BILDBESCHREIBUNG

Das 1838 entstandene, weitgehend naturalistisch gemalte Gemälde von William Turner „Letzte Fahrt der Fighting Temeraire“ ist heute in der Londoner ‚National Gallery‘ ausgestellt und zeigt ein von fünf Schiffen befahrenes Seestück in der Nähe eines am rechten Bildrand erahnbaren Ufers, welches durch das schemenhafte Abbild einer Stadt rechts und zwei Pollern im Bildvordergrund angedeutet wird.

Die See nimmt etwas mehr als ein Viertel des Bildes ein und wird am Horizont von dem etwas weniger als drei Viertel des Bildes bedeckenden Himmel getrennt. Knapp über dem Horizont ist in dem rechten Drittel des Bildes die Sonne zu erkennen, deren Licht im Wasser der See reflektiert wird. Sie selbst ist nur sehr blass, während ihr Licht in einem Farbspektrum von zitronengelb über goldfarben bis hin zu dunkelorange auf Wolken des Himmels und Wasser strahlt, wobei die Farben auffällig ausnahmslos von oben nach unten von heller zu dunkler sortiert scheinen. Jene Anordnung wird auf Höhe des Horizonts von einem relativ kräftigen und satten Blau durchbrochen, welches sich horizontal nach links weiter fortsetzt. Die Farben des Sonnenscheins begrenzen sich auf das rechte Drittel des Bildes, werden dort aber nur durch das beschriebene Blau, einem dunkelbraunen bis schwarzen Holzpflock im Wasser in der rechten unteren Bildecke und das schemenhafte Ufer samt angedeuteter Stadt ganz rechts unterbrochen. Die Farbe des Uferstücks ist wie eine Mischung aus dem sehr dunklen Orange des Sonnenlichts und einem dunklen Graubraun, welches ebenfalls teilweise von dem Blauton am Horizont durchbrochen wird.

Das obere Drittel des Bildes ist fast ausschließlich von Wolken bedeckt, welche rechts wie beschrieben von der Sonne angestrahlt werden und in dem linken bzw. dem mittleren Drittel in hellblau, weiß und rosa bzw. hellblau, hellviolett und hellrosa dargestellt sind. Die fünf Schiffe befinden sich mittig der linken Bildhälfte und dort, wo sie in die oberen zwei Drittel des Bildes hineinragen, sind ihre Umrisse beinahe durchgehend von schmalen, wolkenlosen Stellen umrahmt, welche einen dem Horizont sehr ähnlichen Blauton haben und ohne klaren Kanten unregelmäßig und schwer erkennbar in die genannten Farben der Wolken übergehen. Nur die drei höchsten Masten des größten Segelschiffes ragen ohne blaue Umrandung in die wolkenbedeckten Stellen hinein.

Neben dem besagten großen Segelschiff sind noch drei weitere kleinere Segelschiffe und ein Dampfschiff abgebildet. Genau in der Bildmitte auf Horizonthöhe lässt ein sehr kleiner schmaler weißer Streifen ein weiteres Segelschiff erahnen und ein Stück weiter rechts ein dunkelbrauner Fleck mit aufsteigender weißer Rauchfahne ein weiteres Dampfschiff, welche sich jedoch in großer Distanz zu den anderen fünf Schiffen befinden. Jene fahren eng beieinander wie in einer Gruppe, befinden sich alle mittig der linken Bildhälfte, über welche sie sich in der Breite fast gänzlich erstrecken, und bewegen sich geschlossen wie einer imaginären Linie folgend diagonal von links nach rechts am Bildbetrachter vorbei in Richtung des Punktes knapp links neben der rechten unteren Bildecke gelegen.

Das große Segelschiff ist dreimastig und fährt mit eingeholten Segeln. Während ein kleiner Rand ganz unten von der aufschäumenden weißen Gischt verdeckt ist, ist der restliche Teil des Schiffes der am klarsten ausgearbeitete Teil des gesamten Bildes. Der Segler erscheint, wohl auch durch eine leichte Anstrahlung vom Licht der untergehenden Sonne, hauptsächlich in den Farben orange und beige, hat aber auch kleine, gänzlich weiße Stellen. Personen sind auf dem Schiff nur vage zu erkennen und auch die Taue und Seile, die beidseitig diagonal Masten und Schiffskörper verbinden, deutet Turner nur an.

Nur ein kleines Stück nach vorne versetzt fährt das Dampfschiff, im Bild gegenüber dem Segler etwas nach rechts versetzt, aber augenscheinlich in der Fahrtrichtung auf exakt derselben imaginären Linie wie jener. Der Dampfer ist gemalt in orange, dunkelbraun und schwarz, hat beidseitig mittig ein großes Rad, welches an ein stark verkleinertes Mühlenrad erinnert und vermutlich zum Antrieb genutzt wird, und in der Mitte des Decks ein senkrechtes Rohr. Dieses Rohr ist ca. doppelt so hoch wie der Rest des Dampfschiffes und erreicht so in etwa die Höhe der Reling des Segelschiffs. Es handelt sich hierbei vermutlich um einen Schornstein und dieser stößt Rauch aus, welcher im Sonnenlicht farblich eine Mischung aus orange, rot und schwarz annimmt und auf diese Weise stark an Feuer erinnert.

Vom zweiten Segelschiff ist aufgrund seiner Position genau hinter dem Dampfer nur der segellose Mast samt weißer Fahne zu sehen, welcher auf halber Höhe vom diagonal nach links oben wegschwebenden Rauch gekreuzt wird und ungefähr doppelt so hoch ist wie der Schornstein des Dampfschiffs.

Rechts neben und knapp hinter dem Dampfer ist ein drittes Segelboot zu erkennen und in ähnlichem Abstand ein weiteres. Sie bilden eine diagonale Linie und zusammen mit der Position des größeren Dampfschiffs eine an eine Pfeilspitze erinnernde Formation, welche man auch von Zugvogelschwärmen kennt. An der Spitze dieser Anordnung steht das Dampfschiff, welches das drittgenannte Segelschiff bis auf Mast, Segel und einen ungenau gemalten Teil des vorderen Schiffskörpers komplett verdeckt. Jenes ist farblich dem großen Segler ähnlich und verdeckt seinerseits das vierte Segelschiff ganz rechts zur Hälfte, dessen gehisste Segel sich im Wind blähen und dessen Rumpf aufgrund der großen Distanz zum Betrachter nicht genau vom Blau des Horizonts zu unterscheiden ist.

Am linken Bildrand ist das Wasser an der dem Betrachter nächsten Stelle hellbraun, weiß und hellblau. Weiter oben auf der Höhe der Schiffe ist es mehr dunkelblau und dunkelbraun bis schwarz, wobei das Blau bei zunehmender Distanz zum Betrachter immer heller wird. Am Horizont ist an der linken Bildkante eine sehr kleine Landzunge zu vermuten, welche die Farben dunkelgrün und beige hat, was Gras und Sand darstellen könnte. Mitte der linken Bildhälfte spiegeln sich die Farben der Schiffe auf der sehr glatten Wasseroberfläche wider und bedecken diese komplett bis zum unteren Bildrand. Zwischen diesem Bereich und jenem vom Sonnenlicht beschienen und gefärbten Teil rechts, den ich am Anfang beschrieben habe, liegt ein schmaler Streifen Wasser, der zum Horizont hin blau und zum Betrachter hin hellrot und rosa ist und damit sehr an den Himmel darüber erinnert, dessen Reflektion die Farben im Wasser auch sein könnten.

Wirkung: leuchtend (Himmel), warm, harmonisch, majestätisch (Temeraire), schwer / kraftvoll (Dampfschiff), kontrastreich (Himmel, Holzpflock), wehmütig, romantisch, ruhig (Wasseroberfläche) und doch bewegt, weit.

2.BILDSPRACHLICHE ANALYSE

Als wesentliche Richtung im Bild lässt sich die bereits beschriebene Fahrtrichtung der fünf im Vordergrund stehenden bzw. fahrenden Schiffe nennen. Jene ist eine Diagonale von der linken oberen zur rechten unteren Ecke der linken Bildhälfte.

Der Übergang vom von der Sonne gefärbten zum natürlich-farbigen Teil des Wassers deutet eine weitere Diagonale an, welche ungefähr vom Standpunkt der Sonne nach links unten zur Mitte der unteren Bildkante verläuft. Diese beiden Diagonalen bilden in Kombination mit dem Horizont, welcher auf Höhe von Schiffen und Sonne verläuft, ein auf den ersten Blick nicht erkennbares Dreieck. Durchkreuzt wird dieses Dreieck von einer Mittelsenkrechten, welche die sonnenbeschienenen Wolken von den restlichen trennt.

Diese Mittelsenkrechte teilt außerdem das gesamte Bild in zwei Teile, deren Größenverhältnis an das des Goldenen Schnittes erinnert. Ebenso tut dies der Horizont waagrecht von links nach rechts, doch dessen Unterteilung erinnert nicht so stark an den Goldenen Schnitt, da hier der kleinere der beiden entstehenden Teile definitiv weniger als ein Drittel der Bildfläche einnimmt. Dies hat jedoch zur Folge, dass das Bild ungemein weit wirkt, da der Horizont so vergleichsweise niedrig positioniert ist. Die Verteilung der Schiffe, allesamt ungefähr auf Horizonthöhe, ist, zusammen mit den ähnlich postierten Landstücken links und rechts sowie möglicherweise auch der tiefstehenden Sonne, wie eine Reihung, wobei die vier bis fünf am deutlichsten ausgearbeiteten Schiffe links eine deutliche Ballung darstellen. Jene Schiffe lassen, zusammen mit der Reflexion des Sonnenlichts auf der Wasseroberfläche, durch ihre Spiegelung im Wasser eine grobe, waagrechte Achsensymmetrie im Bild entstehen, welche jedoch nur sehr ungenau und nicht von großer Bedeutung ist. Die sich zu Formen ergänzenden Diagonalen und Waagrechten, die Goldenen Schnitte, die Reihung und die Achsensymmetrie haben zur Folge, dass das Bild insgesamt sehr harmonisch wirkt. Dazu kommen die später noch beschriebenen warmen Farben im Bild, welche dieselbe Wirkung haben. Genannte Aspekte an der Komposition tragen auch zur ruhigen Wirkung des Bildes bei, genau wie das erstaunlich wenig bewegte Wasser.

Bewegt erscheint das Bild allerdings trotzdem, denn die Diagonalen, die pfeilförmige Anordnung der Schiffe und die sich offensichtlich bewegenden Schiffe selbst, tragen dazu bei.

Als definitiv offensichtlichster Fluchtpunkt ist der Punkt, an dem im Bild die Sonne platziert ist, zu nennen. Dieser bekommt seine Wirkung als Fluchtpunkt durch das vom Sonnenlicht beschienene Wasser, dessen Fläche wie ein Dreieck geformt scheint, welches zur Sonne hin spitz zuläuft (siehe orange markierte Fläche in der Skizze links).

Da die meisten der Schiffe wie beschrieben ebenfalls eine einer Pfeilspitze ähnelnden Formation einnehmen, welche zum Betrachter hin zeigt, entstehen zwei kleinere, unauffälligere Fluchtpunkte links und rechts jener Anordnung (siehe Kreuze und Pfeile in der Skizze links). Der Betrachter blickt frontal mittig auf die Szenerie und ausgehend von der Höhe des Betrachterstandpunktes lässt sich vermuten, dass jener aufrecht am Ufer steht, während er das Seestück betrachtet.

Zur Farbperspektive lässt sich sagen, dass alle vorkommenden Blautöne in Himmel und Wasser weiter vom Betrachter entfernt scheinen als die Rot-, Rosa- oder Orangetöne in Sonnenlicht und Wasserspiegelung. Dies ist ein gewöhnliches Phänomen bei der Wirkung der Farben; warme Farben werden grundsätzlich als dem Betrachter näher empfunden als kalte Farben. Genannte Farbtöne bilden ebenfalls einen Warm/Kalt – Kontrast, welcher die leuchtende und warme Wirkung des Himmels zur Folge hat, sowie einen Komplementärkontrast und einen Qualitätskontrast. Einen Qualitäts-, Helldunkel- sowie Quantitätskontrast bildet der vom Sonnenlicht beschienene Wasser umringte Poller rechts unten im Bild. Die rot und orange gefärbte Rauchfahne des Schornsteins des vordersten Dampfschiffes ist in Bezug auf die Qualität Kontrast zum umliegenden Himmelsabschnitt und lässt im Vergleich zu diesem auch einen Warm/Kalt – sowie einen Komplementärkontrast entstehen.

Ein Kontrast sind auch die Farben von Dampfschiff samt Schornstein und den Segelschiffen samt Segeln. Da jedoch schwarz und weiß nicht als Farben gelten und auch im Farbkreis nicht auftauchen, ist die Art des Kontrastes nur schwer zu deuten. Mit Sicherheit handelt es sich hierbei aber um einen Hell/Dunkel – Kontrast.

Die Farbe des Dampfschiffes, seine Kontrastwirkungen und seine Position an der Spitze der Schiffsformation lassen es schwer und kraftvoll wirken, genau wie den Holzpflock rechts unten. Beide haben den auffälligen Hell/Dunkel – Kontrast gemeinsam.

Was die Malweise angeht, lässt sich sagen, dass das Bild hauptsächlich recht grob gemalt ist und nur das größte Segelschiff, bei dem eine deutlich feiner differenzierte Malweise angewandt wurde, etwas heraussticht, was zu der edlen und majestätischen Wirkung des Schiffes beiträgt. Die Darstellung des Lichts, der Lichtspiegelung und der verschiedenen Helligkeiten sind gleichzeitig grob und detailliert, genau wie jene von Wasser und Wellen. Die gröbere Malweise schränkt den Naturalismus und Realismus des Bildes aber nicht ein, sondern fördert jene sogar noch. Was man auf den ersten Blick für leicht abstrahiert halten könnte, ist bei genauerem Hinsehen dann doch eine recht realistische Darstellung dieser Situation, welche durch die im Vordergrund stehende Lichtwirkung und die teilweise große Distanz zum Betrachter einfach nicht hundertprozentig detailliert scheinen kann. Einzig bleibt offen, ob die dargestellte eindrucksvolle Kombination von Lichtern und Farben in der Wirklichkeit so möglich ist oder doch vom Maler leicht übertrieben und idealisiert ist.

Die einzige Lichtquelle im Bild ist die untergehende Sonne. Sie ist noch hell genug, so dass das Zwielicht der Abenddämmerung noch nicht eingebrochen ist. Jedoch erstrahlt sie schon in den typischen Farben des Sonnenuntergangs, welche die von mir beobachteten Wirkungen leuchtend, warm, harmonisch, kontrastreich, wehmütig und romantisch sowie ruhig mit sich bringen. Das Sonnenlicht bestrahlt und färbt noch weite Teile von Himmel und Wasser sowie teilweise auch die Schiffe. Das größte Segelschiff wird dabei nicht angestrahlt, sondern erscheint in seiner natürlichen Farbe, was es noch majestätischer wirken lässt.

Die Anstrahlung des Wassers hat den beschriebenen Effekt, dass die Sonne als Fluchtpunkt zu fungieren scheint. Das ist auch eine Folge davon, dass die wesentlichen Richtungen des gefärbten Sonnenlichts nach oben und nach unten verlaufen und sich dorthin deutlich weiter ausbreiten als nach links und rechts.

Die Proportionen der abgebildeten Elemente sind naturalistisch und realistisch. Durch die variierende Entfernung zum Betrachter sind ähnliche oder gleiche Gegenstände von unterschiedlicher Größe bzw. lässt der Maler die Objekte durch die geringere Größe weiter entfernt erscheinen und dadurch eine Tiefenräumlichkeit, die zu der wehmütigen und romantischen Stimmung des Bildes beiträgt, entstehen. Das alles trägt ebenfalls zum sehr harmonischen Eindruck des Bildes bei. Das größte Segelschiff ist das flächenmäßig größte Objekt im Bild und deutlich größer als die anderen Schiffe, was die bereits genannte Wirkung unterstreicht.

Der Maler führt den Blick des Betrachters zuerst zu den größeren Schiffen, welche durch ihre Ballung als Schwerpunkt des Bildes fungieren. Als Zweites richtet sich der Fokus automatisch auf den Sonnenuntergang, der durch seine Farbkontraste und Farbwirkung auffällt. Die im Hintergrund gehaltenen Segelschiffe, die zwei Landstriche sowie der linke Holzpflock fallen erst bei genauerer Betrachtung des Bildes ins Auge.

  1. INTERPRETATION

Bei dem von mir meist als „größtes Segelschiff“ bezeichneten Schiff handelt es sich, wie aus dem Titel ableitbar, um ein historisches Schiff – die so genannte „Temeraire“, ein Kriegsschiff. Der Titel des Bildes lautet vollständig „Das Kriegsschiff Temeraire wird zu seinem letzten Ankerplatz geschleppt, um abgewrackt zu werden“. Der besagte letzte Ankerplatz ist also auf dem Bild entweder der schwer zuzuordnende Streifen Land rechts oder ein Ort, der sich außerhalb der abgebildeten Situation befindet. Abgeschleppt wird die Temeraire wohl von dem an der Spitze fahrenden Dampfschiff.

Der Zeitpunkt, zu dem das Bild entstand, ist der Epoche der Romantik zuzuordnen, welche dicht gefolgt war vom Zeitalter der Industrialisierung. Basierend auf diesem Wissen könnte man die Vermutung aufstellen, dass die „Temeraire“ sinnbildlich für das Altmodische, Vergangene steht und der Dampfer für das Neue, Moderne, Technisierte. Die vom Motiv des Sonnenuntergangs und den formalen Mitteln ausgehenden Wirkungen des Bildes wie wehmütig, romantisch, leuchtend und weit, könnten also als Melancholie des Künstlers aufgrund bevorstehender Veränderungen gedeutet werden. William Turner war zu diesem Zeitpunkt bereits 63 Jahre alt, hatte also schon verhältnismäßig lange Zeit in den nun abscheidenden Verhältnissen gelebt, was eine Veränderung umso schwieriger und vielleicht auch schmerzhafter machen könnte.

Andererseits war die „Temeraire“ ein Kriegsschiff, welches Großbritannien und seiner Flotte große Dienste erwiesen hatte, und zwar insbesondere entscheidend in der Schlacht gegen Napoleon. Dieser Aspekt könnte darauf hinweisen, dass sich beschriebene Melancholie als Bedauern über den Abschied auch einzig und allein auf dieses eine Schiff bezieht. Ein weiteres Argument für diese These ist, dass es erwiesen ist, dass Turner die „Temeraire“ in seinem Bild nicht realitätsgetreu dargestellt hat. Die weißgoldnene Farbe, welche unter anderen Aspekten dazu beiträgt, dass die „Temeraire“ auf dem Bild edel und majestätisch wirkt, ist nicht historisch, denn das Schiff war in Wirklichkeit schwarz. Turner hat die „Temeraire“ also idealisiert und glorifiziert, was darauf hinweisen könnte, dass es sich auf den Abschied des einen Schiffes und nicht der ganzen Epoche bezieht.

Es ist bekannt, dass die Industrialisierung erhebliche negative Folgen für die sozial schwache Bevölkerung mit sich brachte und zum ersten Mal im großen Stil Natur zerstört wurde. Turner, dessen Bildmotive fast ausschließlich mit der Natur verbunden waren, war sicherlich ebenfalls von jenen nicht nur positiven Veränderungen betroffen. Dies würde dafür sprechen, dass sich die wehmütige Stimmung im Bild auf mehr bezieht als nur ein einzelnes Kriegsschiff, was auch die von mir favorisierte Interpretationsvariante ist.