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    aus der Internatsschule Lucius

»Ein Stück Welt in die Schule holen«

Beim »Burggespräch« am Institut Lucius spricht Carmen Tobias-Utecht über ihre Arbeit in sozialen Einrichtungen

Sozialarbeiterin Carmen Tobias- Utecht erzählt von ihrem Berufsweg: Zuerst arbeitete sie in einer Einrichtung für Drogenabhängige, dann in einer anonymen Mädchenzuflucht. 2013 wechselt sie in die Familienhilfe. (Foto: dab)

Sozialarbeiterin Carmen Tobias- Utecht erzählt von ihrem Berufsweg: Zuerst arbeitete sie in einer Einrichtung für Drogenabhängige, dann in einer anonymen Mädchenzuflucht. 2013 wechselt sie in die Familienhilfe. (Foto: dab)

Echzell (dab). Die Oberstufenschüler der Internatsschule Institut Lucius bekamen am Donnerstagabend einen Einblick in eine andere Welt. Eine Welt, in der sich alles darum dreht, den Stoff für den nächsten Schuss zu besorgen. Eine Welt, in der Mädchen von zu Hause flüchten, weil sie geschlagen werden, vergewaltigt oder von Zwangsheirat bedroht sind. Oberstufenleiterin Vera Kissner hatte Carmen Tobias-Utecht eingeladen, die von ihrer Arbeit in einer Drogeneinrichtung und in einer Mädchenzuflucht erzählte.

Die »Burggespräche« gibt es seit 1959. Ehemalige Schüler berichten an diesen Abenden von ihrem Berufs- und Lebensweg und geben den angehenden Abiturienten Denkanstöße und Tipps, worauf sie bei der Suche nach dem für sie passenden Beruf achten sollten. »Die ›Burggespräche‹ wurden mit der Intention geschaffen, ein Stück Welt ins Haus zu holen und dabei auf die Interessen der Schüler einzugehen «, erklärt Vera Kissner. Doch sie achtet bei der Auswahl der Referenten nicht nur darauf, die Berufswünsche der Schüler zu bedienen. Immer wieder stehen auch soziale Berufe und Themen auf der Tagesordnung. »Damit wir über den Tellerrand hinausschauen, das macht demütig«, sagt Kissner.

Rückfallquote: 95 Prozent

Auch die Schicksale, von denen Carmen Tobias-Utecht aus ihrer 20-jährigen Laufbahn als Sozialarbeiterin berichtete, dürften jenseits des Erfahrungshorizonts der Schüler liegen. Die Arbeit in der »integrativen Drogenhilfe« in Frankfurt, in der die Süchtigen sich in »Konsumräumen« unter hygienischen Bedingungen Heroin und Kokain injizieren können, sei »sehr schräg« gewesen, bestätigte Tobias-Utecht. »Das hat mit meinem Leben nichts zu tun«, weshalb die Arbeit sie am Anfang auch große Überwindung gekostet habe. Doch genau dieser andere Blick aufs Leben, auf das, »was es sonst noch so gibt«, sei es letztlich gewesen, der sie zu ihrem Beruf gebracht habe. Diese komplett anderen Lebenskonzepte wiederum hätten ihr auch dabei geholfen, sich von ihren Klienten abzugrenzen. »Das war am Anfang meine größte Angst: Dass ich so viel Mitleid haben könnte, dass ich ich am liebsten alle mit nach Hause nehmen würde.«

Zehn Jahre arbeitete Tobias- Utecht in der Einrichtung mit niedrigschwelligem Angebot, in der die Süchtigen in ihrem Leben mit den Drogen unterstützt werden. »Das Ziel dort ist nicht, clean zu werden«, betonte die Referentin und nannte auch Zahlen, die das wieder drogenfreie Leben als Illusion entlarvten: Die Rückfallquote nach einem Entzug liege bei 95 bis 98 Prozent.

Viele Süchtige seien an Hepatitis C oder HIV erkrankt, viele würden straffällig – es gibt beruhigendere Vorstellungen, wenn gleich die Nachtschicht beginnt. »Das ist eine harte Arbeit, für die man eine große mentale Stärke benötigt.« Viele Sozialarbeiter stiegen deshalb vor der Rente aus. Ein gewisses Auftreten sei nötig, um sich bei den Süchtigen Respekt zu verschaffen. Aus diesem Grund kündigte Tobias- Utecht denn auch von heute auf morgen: Als ein Mann sie mit einem Stuhl bedrohte, war ihre Angst nicht nur für sie fühl-, sondern auch für die anderen ringsum sichtbar. »Da stand für mich fest: Ich muss aufhören.« Die Schüler hörten der 45-Jährigen gebannt und aufmerksam zu, was auch an ihren Fragen deutlich wurde: Ob ihre Arbeit sie verändert habe, wollte ein Mädchen wissen. »Ja, die Drogenarbeit hat mich hart gemacht, aus Selbstschutz«, offenbarte Tobias- Utecht. In der sozialen Arbeit sei es unabdingbar, sich intensiv mit sich selber zu beschäftigen. In manchen Bereichen sei die Fluktuation sehr hoch, weil manche Kollegen nicht reflektiert genug seien. »Ich liebe meinen Beruf, ich habe ihn mit voller Absicht gewählt, es ist meine Berufung, aber man braucht ein gutes Umfeld.« Freunde, Sport, sonstige Rückzugsmöglichkeiten – »man muss in seiner Freizeit etwas anderes sehen und gut für sich sorgen«. Für den Beruf sei viel Idealismus nötig, verschwieg sie den Schülern auch nicht, dass soziale Arbeit »unterirdisch schlecht« bezahlt werde.

Quer durch alle Schichten

Seit weiteren zehn Jahren ist Tobias-Utecht in der »Mädchenzuflucht « in Frankfurt tätig. Die Adresse der Jugendstilvilla mit neun Plätzen für 12- bis 17-Jährige ist weder der Polizei noch dem Jugendamt bekannt. Erst recht bekommen die Eltern nicht mit, wo ihre Töchter untergebracht sind – zu deren Schutz.
Die Situationen, die es nötig machten, das Elternhaus zu verlassen, reichten vom »ganz normalen Pubertätswahnsinn, bei dem man manchmal lieber die Eltern als die Kinder in Obhut nehmen möchte, bis hin zu sehr dramatischen, drastischen Erlebnissen wie sexuellem Missbrauch in der Familie«. Die Mädchen kämen nicht nur aus sozial schwachen Familien, räumte die Referentin mit einem Vorurteil auf und erzählte von einem renommierten Arzt, der seine Frau aus dem Haus geprügelt hatte und seine Tochter jahrelang vernachlässigte, bis er sie schließlich auf die Straße setzte und sich nie wieder nach ihr erkundigt habe.

Ein bisschen »Super-Nanny«

Die Mädchenzuflucht sei eine Übergangslösung, betonte Tobias- Utecht. Die Mädchen kämen in einer akuten Krisensituation dorthin, meist vom Jugendamt vermittelt, und müssten erst einmal stabilisiert werden. Die therapeutisch ausgebildete Referentin und ihre Kolleginnen versuchen, gemeinsam mit den Mädchen Perspektiven zu erarbeiten, wie diese sich und ihre Situation ändern können. »Wir arbeiten parteilich, das heißt wir unterstützen die Mädchen darin, was sie möchten.« Soweit möglich, bleiben die Kinder und Jugendlichen in ihrem sozialen Umfeld, besuchen weiterhin ihre Schule, dürfen nachmittags rausgehen – sofern sie nicht in Gefahr sind oder bedroht werden, sagte Tobias- Utecht und erzählte von Verschleppung und Zwangsheirat.
Nach im Schnitt rund einem Monat ziehen die Mädchen wieder aus. Für Jüngere werde meist eine Einrichtung mit Rumdumbetreuung gefunden, Ältere könnten in eine tagsüber betreute WG ziehen. »Für die meisten Mädchen geht es ganz toll weiter, das freut uns«, erklärte Tobias- Utecht, dass das Loslassen nicht so schwer ist, wie man es sich vorstellt. »Man baut schnell einen engen Kontakt auf und genauso schnell wieder ab – das ist unser Geschäft.«
Vielleicht wird Carmen Tobias- Utecht in einiger Zeit noch einmal zum »Burggespräch« eingeladen. Dann hätte sie bestimmt etwas Neues zu berichten, denn 2013 wechselt sie in die Familienhilfe. »Dann bin ich ein bisschen wie die ›Super-Nanny‹ «, erklärte sie den Schülern.

aus „Wetterauer Zeitung“ vom Samstag, 8. Dezember 2012